Herr Prof. Dr. Heckl, Sie sind nun schon seit 2004 Generaldirektor des Deutschen Museums - wissen Sie für wie viele Exponate Sie insgesamt verantwortlich sind?
Wir führen über 100.000 Inventarnummern hier im Deutschen Museum. Wieviele Exponate das sind, kann man leider nicht ganz genau sagen. Zu einer Inventarnummer können mehrere Objekte gehören. Außerdem haben wir auch erst seit kurzem ein digitales Erfassungssystem. Während des Krieges gab es auch einige Schäden. In den Ausstellungen sind etwa 25.000 Objekte zu sehen. Für Sammelnde Museen ist dies ein ganz normales Verhältnis von gesammelten und ausgestellten Objekten.
Gibt es eine Abteilung des Museums, die Ihnen besonders am Herzen liegt? Welche Schwerpunkte sind Ihnen besonders wichtig?
Gerade der Humboldtsche Ansatz möglichst breit und möglichst viel auszustellen begeistert mich am Deutschen Museum. So etwas ist heutzutage fast nirgends mehr möglich. Als Biophysiker liegt mir aber die Abteilung Bio- und Nanotechnologie in unserem Zentrum Neue Technologien besonders am Herzen. Hier habe ich auch das erste gläserne Forscherlabor aufgebaut in dem Doktoranden von mir live Wissenschaft betreiben. Das Projekt wird mittlerweile von der EU gefördert und in anderen Europäischen Museen nachgemacht.
Wie wichtig ist naturwissenschaftliche Kenntnis in unserer heutigen Gesellschaft?
Die Kenntnis und ein Grundverständnis von naturwissenschaftlichen Gegebenheiten ist der Grundstock unserer Gesellschaft hier in Deutschland und auch ein wichtiger demokratischer Bestandteil. In Deutschland haben wir keine natürlichen Rohstoffe mehr und die Basis unseres Wohlstandes sind die Erfindungen und Entwicklungen, die unsere Ingenieure und Wissenschaftler hervorbringen. Fast die gesamte Dienstleistungsindustrie hängt davon ab. Für eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft ist es aber auch notwendig, dass man versteht, was hinter neuen Technologien und Verfahren steckt. Was geschieht in der Stammzellforschung? Was unterscheidet genetisch veränderter Mais von biologisch angebautem Mais? Wie kommt das Internet auf mein Telefon in meiner Tasche? Wenn man diese grundlegenden Dinge nicht versteht, kann man auch bei den politischen und gesellschaftlichen Fragen nicht mitreden und auch nicht mitbestimmen.
Sie haben Ihr Abitur 1977 mit 1,0 abgeschlossen und im Anschluss daran Physik an der TU München studiert - was faszinierte Sie an dieser Wissenschaft?
Das ist nicht ganz richtig, meine Abiturnote war 0,8. Die Physik ist die Wissenschaft, auf der alle anderen Naturwissenschaften basieren. Ein Chemiker würde da wahrscheinlich widersprechen, aber mit der Physik kann man die Entstehung von Molekülen erklären und damit dann auch die Entstehung des Lebens und alles was danach kommt.
Die Physik ermöglicht die tiefsten Einblicke in die geheimnisvollen Zusammenhänge des Universums, die der Mensch noch kaum erkannt hat. In meiner Forschungsarbeit wird einem bewusst, dass der Nano- und der Makrokosmos auf faszinierende Art zusammenhängen, die wie Einstein einmal gesagt hat nur "der Herrgott" versteht.
Wie schwierig ist es, heutzutage nicht zuletzt auch der Jugend Technologien und Naturwissenschaften interessant und verständlich darzustellen, vor allem auch das Interesse zu wecken? Haben Sie hierfür eine Art Erfolgsrezept, das Sie im Deutschen Museum anwenden?
Grundsätzlich sind Interesse und Begeisterung bei der Jugend für Technologie absolut gegeben. Wenn man zusieht, wie gebannt viele junge Leute vor ihrem Computer sitzen, mit ihrem Mobiltelefon spielen oder sich auch mit ihrem Auto oder Mofa beschäftigen. Leider wird es immer schwieriger in das Innenleben der technischen Dinge zu schauen, die uns umgeben. Auch das Reparieren ist selbstständig fast nicht mehr möglich und oft wird etwas weggeworfen, anstatt es zu richten. Dadurch geht leider das Interesse für Technik zunehmend verloren. Bei uns soll man so viele Dinge wie möglich anfassen können. Bei einem Reparierkurs für Fahrräder in unserem Verkehrszentrum machen sich die Kinder die Hände schmutzig und lernen, dass man einiges selber machen kann. Auch wenn es banal klingt ein Fahrrad zu reparieren – viele Kinder können das nicht mehr.
Wie sehen Ihre Pläne für das Deutsche Museum in den nächsten Jahren aus?
Wir haben gerade erst das größte Bauprojekt des Deutschen Museums seit seiner Gründung auf den Weg bringen können. Mit der gemeinsamen Hilfe von Bund und Land findet zur Zeit eine große Generalsanierung statt – die Zukunftsinitiative. Diese Maßnahme umfasst insgesamt 400 Mio. €, über 45 Mio. € davon hat das Deutsche Museum selbst eingeworben. Mit diesem Projekt wird das Gebäude auf der Museumsinsel generalsaniert aber auch die Inhalte werden erneuert und zeitgemäßer aufbereitet. Zusätzlich wird es ein neues Exponatarchiv für unsere Objekte geben, die nicht ausgestellt sind, damit das wertvolle Kulturgut unter einem Dach im Rahmen der Forschungsinfrastruktur zur Verfügung gestellt werden kann. Im Forum der Zukunft an der Ludwigsbrücke wird ein Haus der Europäischen Forschung und gleichzeitig ein repräsentativer Eingang für Deutsche Museum entstehen.
Die Summe mag hoch wirken aber in Anbetracht der Größe unseres Hauses mit 73.000 m2 und 1,4 Mio. Besuchern jährlich ist dies auch notwendig. Ein typischer Tunnelbau kostet in München schließlich auch 400 Mio €. Investitionen in Bildung stellen aber unseren Wohlstand in der Zukunft sicher und sind daher eine lohnende Investitionen für unser alle Zukunft.
Inhaltlich ist das Zentrum Neue Technologien ein gutes Beispiel, wie wir in der Zukunft mit Inhalten umgehen werden: Der Besucher kann nicht nur mit Dingen interagieren, er soll viel mehr Teilhabe und Mitsprache bekommen. Dadurch wird man aufgefordert sich selbst eine Meinung zu einem Thema zu bilden und merkt, wo man etwas vielleicht noch nicht richtig verstanden hat, was einem aber wichtig ist.
Woran orientieren Sie sich bei der zukünftigen Ausrichtung des Deutschen Museums?
Unser Auftrag ist es, der Gesellschaft zu dienen. Das war schon immer so und wird sich grundsätzlich auch nicht ändern. Die Art und Weise wie wir das tun ist auch nicht groß anders als 1925. Durch Volksbildung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich gewährleisten wir die Möglichkeit der Mitsprache bei den aktuellen und kommenden gesellschaftlichen Entscheidungen (Atomausstieg, Stammzellforschung, etc.) und sorgen für weiteren Nachwuchs an Technikern und Wissenschaftlern. Ohne diesen Nachwuchs wird es unserer Gesellschaft nicht mehr so gut gehen wie jetzt.
In wenigen Tagen eröffnen Sie den neuen Haupteingang des Verkehrszentrums des Deutschen Museums am Bavariapark. Die Aussenstelle ist nun bereits seit fünf Jahren geöffnet. Konnten inzwischen alle Kritiker der Auslagerung der Verkehrsausstellung beruhigt werden?
Es ist immer schwierig sich an große Veränderungen zu gewöhnen und natürlich wäre es am schönsten und sinnvollsten alle Ausstellungen des Deutschen Museums unter einem Dach zu finden. Aber auf einer Insel ist der Platz nun mal begrenzt und das Thema Verkehr und Mobilität gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Daher ist der Platz am Bavariapark in den wunderschönen, denkmalgeschützten Hallen auf jeden Fall der richtige, um dieses Thema zu bespielen. So sind auch die Flugzeuge seit 1993 in unserer Außenstelle der Flugwerft Schleißheim, die direkt an einem aktiven Flugfeld liegt am richtigen Platz angekommen.
Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?
Das schöne am Deutschen Museum ist, dass es keine „normalen“ Arbeitstage gibt. Ich bin auch viel unterwegs in Deutschland und auch in anderen Ländern, um für das Deutsche Museum zu werben oder unsere Themen dort hin zu bringen, wo sie sonst nicht ankommen würden. In den letzten zwei Jahren habe ich zum Beispiel über 45 Mio. € einwerben und so die überfällige Sanierung sicherstellen können.
Angenommen Sie hätten einen Wunsch für das Deutsche Museum frei - was würden Sie verwirklichen?
Ich würde mir wünschen, dass die Zukunftsinitiative, also die Sanierung und Erneuerung des Deutschen Museums, erfolgreich abgeschlossen wäre und damit der Leuchtturmcharakter dieses Hauses für die nächsten Dekaden gesichert ist. Damit würden wir dann hoffentlich noch viele weitere spätere Nobelpreisträger für Naturwissenschaften und Technik begeistern, so wie wir es in den vergangenen über 100 Jahren bereits getan haben.
